
Pressespiegel
Vinicius-Choreografie „Perhaps“ im Kreativ-Haus uraufgeführt
Völlig hin- und hergerissen
Münster - Ein Tänzer steht, mit dem Rücken zum Publikum, dicht vor einer Wand. Dann dehnt er den Oberkörper zur Seite, küsst seinen Handrücken und wird allmählich immer kleiner, bis er schließlich unter einem Tisch kauert. Sichtlich leidend beginnt sein ausdrucksstarker Tanz von Neuem, und nun wird deutlich, was den Mann bewegt: Er steht zwischen zwei Frauen und kann sich für keine von beiden entscheiden. Streitet er sich mit der einen, so jagt die andere ihm nach. Beides macht ihn unglücklich, bis er schließlich wieder einsam und allein vor der blanken Wand steht.„Perhaps“ ist der Titel eines Stücks, das der Tänzer und Choreograf Vinicius im Rahmen von „Memories in Motion – 20 Years in Germany“ als deutsche Uraufführung auf die Bühne des Kreativ-Hauses brachte – ein Rückblick auf seine Zeit in Europa, die dem gebürtigen Brasilianer neben der Kunst seine Familie und internationale Freunde beschert habe, wie er sagt. „Perhaps“ ist das Ergebnis eines Choreografie-Studiums in London, das Vinicius 2009 an der Middlesex University abgeschlossen hat. Ursprünglich sollte auch eine indische Tänzerin dabei sein, als ihr das Visum kurzfristig verweigert wurde, sprang die Französin Juliette Boinay, ehemals engagiert in Daniel Goldins Tanztheater, souverän ein. „Perhaps“ ist wohl der bisherige Höhepunkt von Vinicius’ 20-jähriger Karriere in Deutschland. Im Vergleich zu früheren Arbeiten, die an diesem Abend sowohl auf Video als auch live zu sehen waren, hat er sich offensichtlich weiterentwickelt, was auch das Verdienst seiner Darsteller ist, allen voran Marvyn Johnson, der sowohl im Tanz als auch durch Bühnenpräsenz für sich einnahm. Dagegen wirkte Vinicius’ erste choreografische Arbeit „Der Weg voran führt mich zurück – Neufassung in Hier und Jetzt“ weniger kunstvoll, aber auch entwaffnend ehrlich. Vinicius, der sein Publikum immer wieder persönlich durchs Programm führt und auch einmal selbst im Solo auf der Bühne steht, strahlt eine hinreißende Freude über seine (internationale) Umgebung aus. Im Foyer wie auf der Bühne gelingt es ihm, sein Publikum in Münster nicht auf Distanz zu halten, sondern Wohlfühl-Atmosphäre zu verbreiten – als sei man bei Freunden.
(WN, 07.05.2012, von Von Isabell Steinböck)

